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Portugiesischer Abend in der City-Buchhandlung
25.03.2026 / 22:25 Uhr — Dormago / duz
Foto: Dormago / duz

Beste Unterhaltung in der City-Buchhandlung, von links: Dolmetscher Michael Kegler, Jorgos Flambouraris, Autorin Lídia Jorge und Verleger Christian Ruzicska
Dormagen. An die Buchmesse in Leipzig schloss sich für Lídia Jorge die einwöchige Lesereise in deutschen Großstädten an. Und in Dormagen. Der portugiesische Abend mit der renommierten Autorin in der City-Buchhandlung war gestern Abend auch so etwas wie ein vorgezogenes Geschenk: Verleger Christian Ruzicska (Secession) gratulierte Buchhändler Jorgos Flambouraris zum 30. Jubiläum. Am 1. April 1996 öffnete der damals 31-Jährige erstmals die Tür der City-Buchhandlung. „Wenn wir auf dem großen Buchmarkt bestehen wollen, dann sind Lesungen aus intellektuellen Büchern in solch etablierten Buchhandlungen notwendig“, erklärte Ruzicska. Flambouraris sparte ebenfalls nicht mit Lob: „Secession ist einer meiner Lieblingsverlage.“
Beste Unterhaltung in der City-Buchhandlung, von links: Dolmetscher Michael Kegler, Jorgos Flambouraris, Autorin Lídia Jorge und Verleger Christian Ruzicska
Wenig Verständnis hat Christian Ruzicska dafür, dass der Verlag Suhrkamp 2005 die Zusammenarbeit mit Jorge beendete. Schließlich gilt sie als eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen portugiesischen Literatur. „20 Jahre lang wurden ihre Bücher nicht in Deutschland publiziert. Wenn Suhrkamp die Werke nicht mehr veröffentlicht, dann halten sich meist auch andere bedeutende Verlage zurück.“ Umso glücklicher ist er darüber, dass die 79-Jährige „jetzt bei uns im Verlag ist.“ Möglich wurde dies insbesondere durch die EU-Übersetzungsförderung: „Sonst wäre das nicht möglich. Die Übersetzung aus dem Portugiesischen kostet rund 15.000 Euro. Das lässt sich nur schwer wieder einspielen.“
Den Originaltitel des jüngsten Buches „Os Memoráveis“ („Die Erinnerungswerten“ oder „Die Unvergesslichen“) wollte Ruzicska „etwas weicher“ gestalten. So kam es zu „Die Stunde der Nelken“, eine Erinnerung an die Nelkenrevolution in Portugal am 25. April 1974 (Vorbericht). Lídia Jorge las aus dem Buch, erzählte aber auch über die Situation vor dem weitestgehend friedlichen Aufstand. Michael Kegler stellte seine Qualitäten als Dolmetscher unter Beweis. Vor der Nelkenrevolution herrschten unsägliche Zustände in ihrer Heimat: „Kinder liefen barfuß herum, die meisten gingen nur ein, zwei Jahre zur Schule. Die Bildungslosigkeit war von den Diktatoren gewollt“, betonte Jorge.
Die Situation war gekennzeichnet durch Armut, politische Unterdrückung, Frauen mussten ihrem Mann gehorsam sein. Jorge: „Zugleich wurde von den Diktatoren verbreitet, Portugal mit seinen Kolonien sei 14-mal größer als Frankreich. Das Land klammerte sich an seine Überseegebiete in Afrika (Angola, Mosambik, Guinea-Bissau). Der Nationalismus der Lügen sollte den Eindruck erwecken, das Land sei mächtig. Gleichzeitig wurde die Hand ausgestreckt, um Unterstützung zu erhalten. Wer schlau war, ging in die USA, nach Frankreich oder Deutschland.“
Der Umsturz war von einer Gruppe linker Militärs akribisch geplant. Sie hatten es geschafft, dass das verbotene Lied „Grândola, Vila Morena“ pünktlich um 0.20 Uhr vom zensierten Radio ausgestrahlt wurde. Der Marsch auf die Institutionen begann. Besetzt wurden strategisch wichtige Punkte in Lissabon, darunter Ministerien und Radiosender. Obwohl die Putschisten die Bevölkerung gebeten hatte, zu Hause zu bleiben, strömten Tausende Menschen auf die Straßen, um die Soldaten zu unterstützen. Eine Blumenverkäuferin begann, den Soldaten rote Nelken in die Gewehrläufe zu stecken. Dieses Bild verbreitete sich rasch und gab der Revolution ihren Namen. Portugal wurde demokratisch und startete mit dem Abzug aus den afrikanischen Kolonien.
In „Die Stunde der Nelken“ wird die historische Zäsur durch die Augen derer betrachtet, die sie miterlebt haben und 30 Jahre später auf die Folgen blicken. Die in den USA lebende Journalistin Ana Maria Machado erhält von CNN den Auftrag, eine Fernsehdokumentation über die Ereignisse und die damaligen Helden der Revolution zu drehen. Sie kehrt nach Portugal zurück und sucht die „Erinnerungswerten“ von damals auf. Lídia Jorge thematisiert das Spannungsfeld zwischen den heroischen Momenten der Geschichte und dem harten Aufprall in der späteren Realität der Akteure.
Die Autorin freut sich darüber, dass ihr Buch inzwischen die Grundlage für ein Theaterstück liefert. Eine Oper ist offenbar in Planung. Und vielleicht fühlt sich ja auch Jorgos Flambouraris herausgefordert, der am Dienstagabend zweideutig feststellte: „Ich bin kein guter Schriftsteller. Noch nicht.“
