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Krieg will niemand - aber wie kann er verhindert werden?
17.03.2026 / 17:48 Uhr — Dormago / duz
Foto: Dormago / duz

Informierten und diskutierten über den neuen Wehrdienst, von links: Joachim Schramm, Lukas Müller, Moderatorin Beyza Kayisi und Carl-Philipp Sassenrath
Es ist noch nicht lange her: Vor 15 Jahren setzte der Deutsche Bundestag die allgemeine Wehrpflicht aus und führte die Freiwilligenarmee ein. Doch die steht schon wieder zur Disposition aufgrund der tatsächlichen oder auch gefühlten Sicherheitslage. Deshalb verständigte sich der Gesetzgeber auf die „Modernisierung“ des Wehrdienstgesetzes. Weil viele junge Menschen nicht genau wissen, was auf sie wartet, organisierte federführend für das Norbert-Gymnasium Knechtsteden Lehrer Tim Wallraff eine Infoveranstaltung. „Ich kam auf die Idee, da mein Sohn jetzt in dem Alter ist und viele Fragen zum Thema hat“, sagt Wallraff.
Informierten und diskutierten über den neuen Wehrdienst, von links: Joachim Schramm, Lukas Müller, Moderatorin Beyza Kayisi und Carl-Philipp Sassenrath
Q1-Schülerin Beyza Kayisi führte cool durch die rund anderthalb Stunden in der NGK-Aula, die eins deutlich machten: Krieg will niemand, aber bei dem Versuch, ihn zu verhindern, gehen die Meinungen auseinander. Die Stichworte lauten Abschreckung, Aufrüstung, Diplomatie. Carl-Philipp Sassenrath MdB, Joachim Schramm von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und Hauptmann Lukas Müller, Jugendoffizier der Bundeswehr, gaben Auskunft und stellten sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler, die sich nicht zuletzt um die Bedrohung unserer Demokratie drehten.
In welchem Maße sich das Gewissen bewegen kann, zeigte Christdemokrat Sassenrath auf: 2008 verweigerte er den Kriegsdienst, sicher auch, „weil sich der Dienst an der Waffe damals nicht notwendig anfühlte.“ Der Neusser sammelte gute Erfahrungen im Freiwilligen Sozialen Jahr, das für ihn ganz im Zeichen des Sports stand. Nicht zuletzt nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine - „nur wenige Flugstunden von uns entfernt“ – revidierte Sassenrath seine damalige Entscheidung: „Ich habe die Kriegsdienstverweigerung zurückgezogen.“
Das würde Joachim Stamm nicht machen. Er hat Ende der 70-er Jahre verweigert und steht nach wie vor dazu: „An einem Krieg wollte und will ich nicht teilnehmen.“ Seiner Meinung nach „hat der Staat nicht das Recht, Menschen zu zwingen, andere zu töten.“ Stamm räumt Bedrohungssituationen ein, sieht aber auch, dass „Abschreckung und Verteidigung das Blutvergießen und mehrere 100.000 Tote auf ukrainischer und russischer Seite nicht verhindert haben.“ Ein Friedensschluss sei in der jetzigen Situation sicher unbefriedigend, „aber im Sinne der Menschen, um das Töten zu beenden.“
Für ihn gebe es keine Alternative zur Diplomatie, die „damals zum Ende des Kalten Kriegs führte.“ Sein Tipp für alle, die verweigern wollen: „Macht es jetzt, um auf Nummer sicher zu gehen, falls es demnächst zur Wehrpflicht kommt.“ Wer siebzehneinhalb ist, könne sich auch ohne Zustimmung der Eltern an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben wenden.
Personalwerbung für die Bundeswehr ist nicht die Aufgabe von Lukas Müller. „So etwas ist inzwischen sogar verboten“, erklärte der Jugendoffizier. Hauptmann Müller soll informieren über die Bundeswehr – und kann sein Anliegen glaubwürdig rüberbringen: „Ich war nämlich mal echter Soldat, bin Panzer gefahren und aus einem Flugzeug gesprungen.“ Wer nach einer Veranstaltung bei ihm rausgehe, der „kann trotzdem später sagen, dass er die Bundeswehr Scheiße findet.“
Joachim Stamm erinnerte an die Bedeutung des Völkerrechts und kritisierte die Aussage von Friedrich Merz, Israel mache im Iran die Drecksarbeit für die westlichen Verbündeten: „So wird Völkerrecht unterwandert.“ Hauptmann Müller nahm in diesem Zusammenhang kein Blatt vor den Mund: „Völkerrecht muss immer und für alle gelten. Die Formulierung meines Bundeskanzlers fand ich auch unglücklich.“
Jüngere Schüler und Schülerinnen, die noch ausreichend Zeit haben, um sich in Sachen Wehrdienst zu positionieren, gehörten ebenfalls zu den Besuchern der Veranstaltung. Sie konnten froh sein, eine solch informative Runde mitzuerleben. „Das wäre in Russland nicht möglich“, sagte Carl-Philipp Sassenrath. „Es gilt auch, diese Freiheit in Deutschland zu verteidigen.“
Info
Das vom Bundestag beschlossene Wehrdienst-Modernisierungsgesetz ist am 1. Januar 2026 in Kraft getreten. Dadurch soll ein neuer, freiwilliger Wehrdienst (ab sechs Monaten) geschaffen werden. Reichen die Freiwilligenzahlen nicht aus, kann der Bundestag eine Bedarfswehrpflicht beschließen.
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