DORMAGO

Quelle: www.dormago.de

Das Raphaelshaus Dormagen zu Zeiten von Corona

(29.03.20, 16:28 Uhr / EB / duz)

Veränderte Tagesabläufe in der Jugendhilfeeinrichtung
Morgens um 7.50 Uhr an einem Werktag. Gespenstische Ruhe auf dem Gelände des Raphaelshauses. Zu dieser Zeit ertönt normalerweise der Schulgong das erste Mal und eine große Schar Kinder und Jugendlicher würde mehr oder weniger fröhlich auf dem Weg von ihren Wohngruppen oder den Schülerbussen zum Schulgebäude strömen. Die Lehrkräfte der Raphaelschule würden die Schülerinnen und Schüler jetzt auf dem Schulhof in Empfang nehmen und wenige Minuten später mit dem Unterricht in den Klassen beginnen. Doch statt Kinderstimmen und Schulklingel hört man nun munteres Vogelgezwitscher und das Flattern der Fahnen im Wind.

Das Raphaelshaus Dormagen ist eine Jugendhilfeeinrichtung mit angegliederter Förderschule. Auf dem Stammgelände sind elf stationäre Wohngruppen, drei Tagesgruppen sowie eine Verselbständigungsgruppe für ältere Jugendliche beheimatet. Hinzukommen Außenwohngruppen in Dormagen, Neuss und Köln. Insgesamt werden circa 240 Betreuungsplätze in der Einrichtung zur Verfügung gestellt. Viele Kinder und Jugendliche der Einrichtung werden an der angegliederten Förderschule unterrichtet, die übrigen besuchen externe Schulen oder Ausbildungsbetriebe. Das Raphaelshaus beschäftigt dabei rund 240 Mitarbeitende in den Wohngruppen, der Verwaltung, der Schule, der Hauswirtschaft, im handwerklichen Bereich sowie in den gruppenübergreifenden Diensten. Soweit, so normal im Alltag. Aber was ist, wenn eine Pandemie um sich greift?

10 Uhr in einer Jungengruppe auf dem Stammgelände. Marcel sitzt in seinem Zimmer und brütet nachdenklich über seinen Rechenaufgaben. Hinter ihm steht sein Pädagoge, der ihm hilft, die Aufgaben zu bewältigen. Von seiner Klassenlehrerin hat Marcel ein umfangreiches Lernpaket bekommen, welches er nun in Tagesaufgaben bearbeitet. Marcel ist Grundschüler und wiederholt Unterrichtsstoff aus dem Schulalltag, damit er den Anschluss nicht verliert. Unterstützt wird er dabei von seinen pädagogischen Fachkräften, die sich in die Rolle der Lernbegleiter*innen erst einmal hineinfinden müssen. Eine Lehrerin der Raphaelschule ist ebenfalls vormittags in der Gruppe, um Marcel und seinen acht Gruppenkameraden beim Lernen zu helfen. Marcel rechnet mit den Fingern, zuckt mit den Schultern und schreibt die richtige Lösung in sein Heft. „Lieber wäre ich jetzt mit meinen Klassenkameraden in der Schulklasse“, sagt er.

Harte Maßnahmen zur Risikominimierung
Das Jugendhilfezentrum Raphaelshaus nimmt Kinder und Jugendliche aus belasteten Familiensystemen auf, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Nicht selten entsteht dabei zu Hause eine Situation der Kindeswohlgefährdung und das Jugendamt sorgt dafür, dass die Kinder und Jugendlichen in eine sichere Obhut kommen. Damit zählt das Raphaelshaus zu den sogenannten „systemrelevanten Einrichtungen“, die auch während einer Pandemie die Arbeit unbedingt aufrechterhalten müssen. Die Fachkräfte gelten als „Personal kritischer Infrastruktur“. Sieben bis zehn Kinder und Jugendliche leben in Wohngruppen und werden dort im Alltag von den pädagogischen Fachkräften betreut. Nun, da die Schulen geschlossen worden sind, werden die Wohngruppen auch noch am Vormittag mit Fachkräften besetzt, die sich um ihre Schützlinge kümmern. Am letzten Wochenende konnten viele der Kinder und Jugendlichen nicht, wie sonst üblich, zu ihren Eltern fahren. Um die Anzahl der Sozialkontakte zu verringern, wurden die Heimfahrten ausgesetzt und bei den Eltern und Erziehungsberechtigten um Unterstützung für diese harte Maßnahme im Sinne der Risikominimierung geworben.

12 Uhr Mittagessenzeit, das Glockenspiel des Raphaelshauses spielt „Freude schöner Götterfunken“ und einem Mitarbeiter der Haustechnik läuft das Wasser im Mund zusammen - zeigt doch das Geläute, dass es gleich Zeit für das Mittagessen ist. Er beendet noch seine Arbeit an dem defekten Wasserhahn in der Wohngruppe und macht sich auf den Weg zur Essensausgabe. Wo normalerweise viele Mitarbeitende des Raphaelshauses in der Kantine zusammenkommen und das gemeinsame Essen zum fröhlichen Austausch über Neuigkeiten nutzen, muss er sich nun mit Abstand in eine Schlange einreihen und hat Glück, dass diese nicht sehr lang ist. Die Küchenhelferin verteilt das Essen an die Mitarbeitenden. Es wird auf Abstand geachtet, sie trägt Handschuhe und reicht das Tablett über den Tresen. Im Mitarbeiterraum sitzen Kolleg*innen an Einzeltischen, man unterhält sich auf Distanz. Einige Mitarbeitende nehmen die Tabletts mit in ihre Büros, um dort alleine zu speisen.

Die ganze Einrichtung muss in dieser Zeit mit veränderten Strukturen im Alltag umzugehen lernen. Die Wohngruppen mussten geplante Ausflüge und Ferienfreizeiten für die Osterferien absagen. Die Kinder und Jugendlichen brauchen dringend Bewegung im Alltag, dürfen sich aber auf dem Gelände des Raphaelshauses und auch außerhalb nur noch innerhalb ihrer Gruppengemeinschaft bewegen. Die Fachkräfte sprechen sich ab, welche Gruppe wann die unterschiedlichen Freizeitmöglichkeiten auf dem Gelände nutzt. Zum Glück spielt das Wetter gerade mit, sodass die Kinder zumindest noch begleitet nach draußen können. Die Wohngruppen sind Lebensgemeinschaften, die räumlich wie Familien zusammenleben. Daher dürfen sie auch, dem Erlass der Bundesregierung folgend, gemeinsam außerhalb des Geländes zum Beispiel im Wald spazieren gehen oder Fahrrad fahren. Dies stößt jedoch bei vielen Bürger*innen auf Unverständnis und Fachkräfte wie auch die Kinder und Jugendlichen werden etwa beim Frühsport angeblafft, weshalb sie sich nicht an die allgemeinen Regeln halten würden. Es ist für die Fachkräfte schwierig, in diesen Situationen die komplexen Bedingungen des Zusammenlebens der Einrichtung zu erörtern und für Verständnis zu werben. Die Mitarbeitenden werden für dieses Thema sensibilisiert und sollen daher nur noch in Ausnahmefällen als Gesamtgruppe das Gelände verlassen.

14 Uhr, im Tagungsraum der Einrichtung treffen sich die Leitungskräfte zur Lagebesprechung. Hierfür wurde ein größerer Raum als üblich gewählt, um Abstände zwischen den einzelnen Leitungskräften zu ermöglichen. Um Einrichtungsleiter Marco Gillrath versammeln sich die Bereichsleitungen der Wohngruppen, die Schulleitung und der Verwaltungsleiter. „Gemeinsam besprechen wir, welche Maßnahmen des Landes und der Kommune in der Einrichtung umzusetzen sind. Die Gesundheit und die Sicherheit der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen sowie der Mitarbeitenden stehen in diesen Zeiten ganz oben auf der Tagesordnung. Wir regeln, wie der Kontakt zu den belegenden Jugendämtern und den Erziehungsberechtigten aufrecht gehalten wird. Gleichzeitig entwerfen wir Pläne für den Umgang mit möglichen Infizierten, um sicherzustellen, dass erkrankte Kinder weiter gut versorgt werden können. Mit der Mitarbeitervertretung müssen Fragen des Arbeitsrechtes geklärt werden und die Leitung muss über die Möglichkeit sprechen, die Leitungstreffen im Bedarfsfall auch als Videokonferenz abhalten zu können. Dies alles sind Vorbereitungen für einen bislang zum Glück noch nicht eingetretenen Ernstfall“, erläutert Marco Gillrath.

Alle ziehen an einem Strang
Die Landesregierung und die Jugendämter erwarten vom Raphaelshaus, dass die Betreuung der stationär untergebrachten Kinder auf jeden Fall aufrecht gehalten wird. Dem möchte das Raphaelshaus auch gerne nachkommen, deshalb ziehen alle an einem Strang. Die Kinder und Jugendlichen liegen der Einrichtung am Herzen, keiner versteht sich hier als bloßer Dienstleister. In diesen Zeiten wird es allerdings schwieriger, die Wirtschaftlichkeit der Einrichtung zu garantieren. Die Fachkräfte der Jugendämter kommen jetzt nicht mehr zu Aufnahmegesprächen mit den betroffenen Familien ins Raphaelshaus. Das bedeutet, dass freie Plätze in Wohngruppen im Moment nicht nachbelegt werden können. Das Raphaelshaus muss jedoch, wie andere Jugendhilfezentren auch, eine vorgegebene Belegungsquote erreichen, um Personalkosten und Unterhalt finanzieren zu können.

16 Uhr, auf der rechten Hälfte des Kunstrasenplatzes des Raphaelshauses spielt Danny mit seinen Gruppenkameraden Tim, Abdul, Sam und ihrem Betreuer Sven Fußball. Links spielen die Kinder einer anderen Wohngruppe. Eigentlich würden zu dieser Zeit die gruppenübergreifenden Angebote der sport- und erlebnispädagogischen Abteilung stattfinden. Aus diesen Angeboten hat Danny sich in diesem Halbjahr für das Klettern und für das Rennradangebot angemeldet. Es würden sich Teilnehmer*innen aus allen Wohngruppen gemischt zusammenfinden, um gemeinsam Sport zu treiben. Das geht jetzt nicht mehr. „Schade“, sagt Danny, „wir waren so gut im Fahrradtraining, haben uns auf eine große Tour in den Ferien vorbereitet. Jetzt kann ich nur noch mit meinen Gruppenkameraden Sport machen. Mir fehlen die Kontakte zu meinen anderen Freunden.“

Die Spielplätze mussten gesperrt werden
Die Mitarbeitenden des Raphaelshauses geben sich alle Mühe, um gemeinsam mit ihren Schützlingen die schwierige Zeit zu überstehen. Engagiert versuchen sie, den Kindern und Jugendlichen einen strukturierten Alltag zu bieten, bei Trauer über fehlende Kontakte zu Eltern zu trösten und mit den ohnehin oft herausfordernden Verhaltensweisen der Mädchen und Jungen auch in dieser schwierigen Zeit fachlich und professionell umzugehen. Dem Raphaelshaus sind die Kontakte zur Nachbarschaft wichtig, deshalb stehen die Spielplätze auf dem Gelände normalerweise auch Familien mit Kindern offen. Häufig kommen Tagesmütter mit ihren Kleingruppen vorbei, um die Tiere zu beobachten. Jetzt mussten die Spielplätze gesperrt werden und es kommen nur noch vereinzelte Besucher auf das Gelände.

Vor dem Eingang zur Kapelle des Raphaelshauses steht ein kleines Körbchen, in welches die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Mitarbeitenden Zettel hineinlegen können, um ihre Sorgen und Gedanken, ihre Wünsche und Ängste mit Gott zu teilen. Der Seelsorger des Raphaelshauses Joachim Windolph zündet für jede Nachricht eine Kerze in der Kapelle an. Auf der Homepage der Einrichtung wird täglich ein Bild dieser Lichter veröffentlicht.

„Wir hoffen, dass alle Kinder und Jugendlichen sowie unsere Mitarbeitenden gesund bleiben und wir irgendwann wieder einen normalen Alltag anbieten können. Ich möchte mich bei allen Kolleg*innen von Herzen bedanken, die ihre Kraft und ihre Motivation für unsere Mädchen und Jungen einsetzen und uns dabei mit viel Verantwortungsgefühl helfen, die Einrichtung in ruhigem Fahrwasser zu halten“, äußert sich Marco Gillrath am Ende des Tages.

Foto(s): © Raphaelshaus

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Für jede Nachricht per Zettel wird eine Kerze angezündet





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Erstellt am 10.07.2020 - 18:52 Uhr